13. Jun 2019 Projekte

Vate / Industrie

Moin, moin!
Auf der Bewertungsplattform kununu.de kann man über einen bestimmten Veranstaltungs-Dienstleister aus dem Bereich der gehobenen Fünf Sterne Hotellerie, dessen Name hier nicht genauer erwähnt werden soll, einiges an schlechten Bewertungen lesen. Mit sehr unterschiedlichen Ansätzen; die einen bemängeln das Verhalten der Vorgesetzten, die anderen die nicht vorhandenen Aufstiegsmöglichkeiten. Bei wieder anderen kann man Schmeichelei vermuten, weil sie frisch dabei sind, doch der Tenor geht in Richtung Mangelhaft. Als ich vor nun zehn Jahren nach Berlin gekommen bin, habe ich mehrere Jahre für diese Company auf Rechnung gearbeitet und kann das Meiste aus den negativen Bewertungen gut nachvollziehen.

In einem über die Zeit spürbaren Abwärtstrend meiner Zufriedenheit, war für mich der Schlußstrich erreicht, als eines Tages ein Schreiben ins Haus flatterte: eine Vertragserweiterung, dessen Inhalt von irgendeinem damaligen Bereichsleiter verfasst wurde. Darin hieß es, dass zukünftig kein Anspruch mehr besteht, Überstunden nach 10 Stunden zu berechnen, sondern erst nach der 13 Stunde jede weitere Stunde mit 1/10 angerechnet werden kann.

Hm. Kurz überlegt und entzerrt: durchschnittlich soll ich also der Company zwei Stunden meines Tagessatzes schenken? Wer darauf einging, wäre verwirrt oder schlimmeres. Glücklicherweise haben die meisten meiner damaligen Freelancerkollegen diesen Wisch nie unterschrieben und sich ihrerseits darüber zu recht geärgert. Als Reaktion auf dieses Schreiben habe ich eine Mail an den damaligen Personalchef in Frankfurt verfasst, und den Bereichsleiter in Kopie gesetzt. Zwei Minuten nach Abschicken der Mail rief dieser Bereichsleiter bei mir an und sagte verärgert, ich solle doch den Dienstweg einhalten und hätte mit ihm vorerst „gütlich“ diese Sache regeln können. Ich hatte tatsächlich große Lust etwas zu klären. Ich war so verärgert über diesen Versuch, meine Rechte in dieser Weise eingeschränkt zu sehen, dass ich daraufhin endlich meine mir zugesicherte Tagessatzanpassung einforderte, welche mir beim Kennenlerngespräch für nach einer quasi-Probezeit versprochen wurde; 250€ für 10 Stunden.

Zugegeben, der Zeitpunkt meines Ultimatums war schlecht gewählt. Aber die Aktion endete schließlich mit dem Ende der Zusammenarbeit und darüber bin ich nicht traurig.

Es ist Bekannt und Usos, das Techniker, deren Qualifikation maßgeblich für das Gelingen einer Veranstaltung ist, von den Companys an die Kunden aus Industrie und Dienstleistung mit teilweise über 50% Vermittlungspauschale weitergegeben werden. Zumal die Firmen auch immer damit werben; unsere Freelancer sind alle Profis in ihrem Bereich bla bla.. Im Agenturwesen würden man bei einem solchen Vorgehen von Unseriösität oder Wucher sprechen.

So werde ich nachweislich für 550€ an zB die Pharma verkauft, bekomme davon aber nur 220€ ab und muss mir dann anhören, dass an allen Ecken und Enden kein Geld da ist. Auszubildende werden als vollwertige Techniker an die Kunden verhökert, oder Festangestellte, die mit einem Nettogehalt von 1300€ ihre 70 Wochenstunden reißen; werden ebenso gewinnbringend an die Kundschaft verkauft. Das ist doch sehr wertschätzend gegenüber genau den Leuten, ohne die überhaupt nichts laufen würde, dessen KnowHow man aber stets für die eigene Werbung hervorhebt und in Imagefilmen immer als wichtigsten Faktor der Professionalität lobpreist. Widerlich.

Lasst euch nicht verarschen, liebe Kollegen und achtet auf eure Vergütungen. Nehmt lieber mal einen Job nicht an, wenn die Konditionen scheiße sind und macht euch mit den Arbeitsschutzgesetzen vertraut (als Regelwerk für die eigene Ausgestaltung der Jobs)!

Widersprecht auch euren vertraglichen Rahmenbedingungen, sofern diese euch einengen wollen, zB auf Baustellen bei der Werbung für die eigene Sache. Ich habe den Firmen, die ich betreut habe, immer meine Visitenkarte in die Hand gedrückt und die ein oder andere langfristige Beschäftigung als Freelancer ist dabei herausgekommen, für einen deutlich günstigeren Tagessatz für die Firmen und einem deutlich höheren Tagessatz für mich selbst. Wir haben uns in der Mitte getroffen. Dies war mir aber vertraglich verboten. Mittlerweile wäre dies verjährt. 😉

Klar kann man argumentieren, dass die Companys in Berlin ja die Jobs an Land ziehen und erst die Aufträge mit ihrer Technik und Reichweite generieren. Allerdings, wo ist die moralische Rechtfertigung, sich 600,00€ von den Industriellen Auftraggebern zahlen zu lassen, aber davon nur 200,00€ an die „professionellen Techniker“ auszuzahlen? Vor allem passiert dies hinter vorgehaltener Hand, die Freelancer selbst wissen teilweise gar nicht, wie sie verschachert werden und was ihnen selbst dabei potentiell flöten geht. Denn: die Industrie ist sehr wohl bereit einen Tagessatz nach VPLT-Vorschlägen zu zahlen und kennt keine günstigeren Preise, aber diese geldgeilen Scheißfirmen mit ihrer Scheißtechnik sind das Problem.

Lasst euch nicht verarschen und sprecht mit euren Freelancerkollegen darüber und legt euch fest, für welchen Tagessatz ihr auf keinen Fall arbeiten könnt und lebt diesen Grundsatz konsequent, auch wenn ihr mal zum Amt rennen müsst, weil ihr nicht hinkommt über die Sommermonate. Wenn die Companys euch schon als professionelle Techniker verkaufen, dann verhaltet euch auch so und verkauft euch nicht unter Wert!