Groundsupport & Personen

Welche Nachweise sind als Verantwortliche/r einer Fremdproduktion bzw. TourveranstalterIn im Vorfeld zu erbringen, wenn auf einer Bühne ein Groundsupport (B: 3,2m; H: 2,8m; T: 2,6m, Gesamtgewicht 1,2t) aufgebaut werden soll, der von Personen begehbar und unter dem sich szenisch Musiker aufhalten? Aus der Sicht eines Betreiber VfV.

Unabhängig einer zusätzlichen Gefährdung beim szenischen Spiel (möglicherweise tödlicher Absturz) ist bei Materialversagen in Anbetracht des Eigengewichts auch für die daruntersitzenden Musiker zappenduster. Produktionsseitig wurde eine Gefährdungsbeurteilung (GBU) für die szenische Nutzung erbracht, in der aber die wesentlichen Angaben fehlten. Sie kam zu dem Schluss, dass keine besonderen Gefährdungen wahrscheinlich seien. Es sollte also betreiberseitig eine GBU erstellt werden. Klar war, dass aufgrund fehlender Unterlagen, einen Statiker hinzuzuziehen ist. Das sorgte bei der Produktion erstmal für etwas Hin und Her, was die Übernahme der Kosten anging, aber die Entscheidung des Verantwortlichen für Veranstaltungstechnik (VfV) des Betreibers war korrekt, indem er die Produktion freundlich zur Übernahme überzeugte.

Montag 9:00 Uhr, Get-In und Aufbau des Groundsupports. Der Statiker war zu 12 Uhr bestellt. Der Aufbau war ein wenig angespannt, weil eben im Vorfeld Angaben zu den Auflagerkräften der Kontruktion fehlten und ich somit keine Annahme zur Tragfähigkeit des Bodens machen konnte. Die Auflager des Gerüsts waren recht klein, irgendwas um die 12 cm² je Unterpallung, und die innere Statik war natürlich ebenso unbekannt. So beobachtete ich, ob sich bereits beim Aufbau Druckverformungen am Boden zeigten oder es irgendwo knackte. 😉 Ein anderer hätte das Gerüst vielleicht nicht aufbauen lassen, aber ich hatte nicht die Eier und auch nicht den Rückhalt von den KollegInnen. Ich kenne es auch anders: sind die notwendigen Unterlagen nicht vorhanden, oder hats der Hund gefressen? – kein Aufbau. Noch ein anderer hätte wohl zu Recht und aus Prinzip den Aufbau untersagen können. Unter Berücksichtigung des Arbeitsschutzes gings aber dann nach dem Motto, Augen zu und durch (da das Bühnenbild bereits seit den 60er Jahren so in der Form auf Tour war, hatte man wenigstens noch empirische Vergleichswerte zur Standsicherheit). Gegen elf Vormittags stand alles und wir warteten beim Kaffee auf den Statiker. Die Begutachtung ergab, dass das Material bis an 70% seiner Fließgrenze belastet wurde, ohne dynamische Lasten. Mit dem dem Faktor 1,2, kamen wir auf knapp 86% Belastung/Auslastung zur Fließgrenze (!). Die in der Veranstaltungstechnik geforderte Eigensicherheit einer Tragkonstruktion im Geltungsbereich „Lasten über Personen“ (hier Mitwirkende) war also nicht mehr möglich und Fehlerpuffer nicht ausreichend vorhanden. Somit war für die Einschätzung der Wahrscheinlichkeit eines Materialsversagens das Verhalten der beiden Protagonisten maßgeblich, welche das Gerüst dann schließlich benutzen sollten.

Die zwei Schauspielenden waren in der Benutzung im szenischen Spiel allerdings sehr professionell und erprobt. Der Teil der Risikoberwertung, der die dynamsichen Bewegungen umfasste, blieb dann eben als proforma-Absatz enthalten. Ein höherer Unterweisungs- und Probenaufwand für die beiden hinsichtlich dynamischer Bewegungen war somit nicht nötig und lag auch nicht direkt in Betreiberverantwortung. Beim Aufbau bemerkten wir, dass bei den vorigen Aufführungen offenbar überhaupt nicht an einen Potentialausgleich gedacht wurde, wobei doch das Gerüst auch für konventionelle Beleuchtung genutzt wird. 🙂

Im Produktionsalltag kommt es häufig vor, dass erst am letzten Tag eine gewisse Rechtssicherheit durch zB Zertifikate, Gutachten, usw. hergestellt werden kann. Diese notwendigen Unterlagen sollte man bereits im Vorfeld zusammen haben. -.-

Die laut vernehmbaren Argumente der Beschwichtigung: das Gerüst ist bereits jahrelang erprobt im Tourbetrieb und damals, zum Zeitpunkt der Fertigung, existierten nicht so strenge Sicherheitsanforderungen. Mein Gegenargument war stets, dass man mit supereinfachen und kostengünsitgen Mitteln eine ausreichendere Stabiltät herstellen hätte können, um diesen Anforderungen nachträglich gerecht zu werden. Das damals Backdrops nicht brandhemmenden sein mussten, ist kein Argument dafür, sie nicht jetzt zu imprägnieren. Es greift auch kein Bestandsschutz.

Generell wünsche ich mir als Betreiber VfV folgende Unterlagen über Bühnenbildeinrichtungen, bevor überhaupt der Trailer an die Halle ranfährt:

  • Standsicherheitsnachweis, Statisches Gutachten
    inkl. detaillierte Angaben zu Auflagerkräften
  • Baustoffklassifizierung
  • Behördliche Erlaubnisse
  • Errichterbescheinigung
  • Anschlussmöglichkeiten eines Potentialausgleichs

to be continued.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.